Breaker

Almuth und Ian McWilliams – Geigenbauer

Vor sieben Jahren sind die Beiden von Berlin nach Brandenburg gezogen. Sie hatten sich in das alte Haus in der Mühlentorstraße verliebt. Da waren sie frisch verheiratet, ihr erster Sohn war gerade ein paar Monate alt und sie hatten beschlossen, dass das Familienleben fernab der Großstadt beginnen soll. „All in ein year!“ Heute leben sie in dem liebevoll selbst renovierten Altbau und arbeiten gemeinsam in einer kleinen Werkstatt in der Remise im Hof.
Dort empfangen uns Almuth und Ian auch. Im Ofen brennt ein Feuer, es ist entsprechend warm, leise läuft klassische Musik und es riecht nach frischem Holz. Die Arbeitsflächen werden punktuell von herabhängenden Industrielampen beleuchtet, die alles in ein warmes Licht tauchen. Während die beiden weiterarbeiten – das heißt bei Ian, dass er an der Schnecke eines Cellos hobelt und bei Almuth, dass sie einen neuen Bassbalken in die Decke einer alten Violine einpasst– erzählen sie uns etwas über sich selbst, ihr Haus und ihre Arbeit.

Beide haben schon an verschiedenen Orten gelebt, bevor eine Immobilien-Verkaufsanzeige sie nach Brandenburg geführt hat. Almuth kommt gebürtig aus Hessen und zog mit ihren Eltern kurz nach der Wende in deren Heimat nach Mecklenburg. Dort verbrachte sie die letzten Schuljahre auf dem Gymnasium und ging anschließend nach Bayern, um dort die Ausbildung an einer Geigenbau-Schule zu machen. Seit ihrem Abschuss arbeitet sie in Berlin.
Ian kommt ursprünglich aus Kanada. Er lernte in Südengland, arbeitete erst in London und später in Montpellier. Dann lernte er Almuth kennen.
Das erste Mal begegnet sind sich die beiden in einem College für Handwerksberufe in Südengland. Schon damals blieb Almuth in Ians Gedächtnis. Aber die beiden haben sich wieder aus den Augen verloren und sich erst einige Jahre später auf einer Messe in Italien wieder getroffen. Ein Jahr später folgte Ian ihr dann nach Berlin und eröffnete dort eine eigene kleine Werkstatt in der gemeinsamen Wohnung in Schöneberg. Almuth hingegen ist – seit mittlerweile fünfzehn Jahren – in einer Berliner Geigenbauwerkstatt angestellt.
Obwohl für Almuth und Ian der Klang eines Instruments täglich im Mittelpunkt steht, sind sie selbst keine Musiker. Almuth hat zwar als Jugendliche Geige gespielt und so auch ihr handwerkliches Interesse an dem Instrument entdeckt. Ian hingegen ist nicht von der Musik zum Beruf gekommen, sondern andersherum. Er hat zunächst eine klassische Tischlerlehre in Vancouver gemacht. Im Anschluss daran und mit einiger Berufserfahrung besuchte er ein College für Geigenbau in Südengland, weil ihn die monotone Tischlerarbeit an großen Maschinen langweilte. Erst während der Ausbildung zum Geigenbauer lernte er auch das Geigespielen.
Und auf meine Frage, ob man als Geigenbauer eigentlich auch nur klassische Musik hört, antworten beide, dass sie eigentlich alles hören außer Rap. Zwischendurch schaltet Ian gern kanadische Nachrichten ein. „I torture my wife“, sagt er augenzwinkernd. „Aber wenn ich mal radio1 anmache, weil ich auch mal die deutschen Nachrichten hören will, dann beschwert sich Ian über die Musik“, kontert Almuth lachend.

Mittlerweile ist alles fertig. Es ist gibt keine Baustelle mehr auf dem Grundstück. Darüber ist Ian sogar ein klein bisschen traurig: „Ich weiß gar nicht mehr, was ich machen soll“, sagt er mit einem Lächeln. Tatsächlich war die Bauzeit auch insofern eine schöne Zeit, erzählen die beiden, weil man so viele nette Nachbarn kennengelernt hat. In der Nachbarschaft gab es auch mehrere Baustellen und viele kamen, um sich Werkzeuge auszuleihen. „Wir haben uns alle gegenseitig geholfen“, sagt Almuth.

Diese Kontakte zu den Nachbarn bestehen natürlich weiterhin. Aber es ist nun auch etwas ruhiger geworden. „Wenn man eine Werkstatt zuhause hat, fehlt ein bisschen der Kontakt zu anderen Kollegen“, erzählt Ian. Almuth arbeitet zwei Tage in Berlin und die übrigen Tage ist sie mit ihm in der Werkstatt. „Dann rede ich die ganze Zeit und Almuth macht ‚mh’, ‚mh’, ‚mh’“. „Und wenn das eine ganze Weile so geht, dann fängt Ian an mit sich selber zu sprechen.“ So schildern die beiden lachend ihren Alltag in der Werkstatt. Außerdem genießen sie es, an solchen Tagen die Freiheit zu haben, zwischendurch auch mal einen Kaffee trinken oder gemeinsam Mittag essen zu gehen. Für solche Mittagspausen empfehlen sie uns übrigens das kleine Café „Bistro Melange“ in der Ritterstraße. Dort gebe es das beste Schnitzel mit sehr guten Bratkartoffeln.

Die Firma von Ian heißt „Crawford Instruments“. Crawford ist sein zweiter Vorname. Dieser Name hat in Ians Familie, einer Farmerfamilie aus dem Osten Kanadas mit schottischen Wurzeln, eine wichtige Bedeutung. Er war zum einen der Mädchenname seiner Ururma und zum anderen der Vorname seines Uropas.
Den Kern von Ians Arbeit bildet der Neubau von Instrumenten. Er baut Geigen, Bratschen und Celli. Almuth hingegen hat sich auf Restaurierungen sowie Reparatur- und Servicearbeiten an eben diesen drei Instrumenten spezialisiert.

Dabei ist die Bandbreite der beschädigten Instrumente, die Almuth bearbeitet, sehr groß. Zum Teil sind es schon sehr alte Instrumente, an denen zum Beispiel Risse im Holz repariert werden müssen. Sie zeigt mir, dass das Holz am Boden einer Geige bis zu drei Millimeter dünn sein kann. Solche Stellen sind besonders empfindlich und können über die Jahre reißen. Oder es müssen Kratzer im Lack ausgebessert werden. Bei neueren Instrumenten sind es tatsächlich eher Schäden, die durch Unfälle entstehen.

Ian hat im letzten Jahr insgesamt sieben Instrumente gebaut (drei Geigen, eine Bratsche und drei Celli). Die Fertigstellung einer Geige dauert circa fünf Wochen. Und sie kostet dann im Verkauf 14 000 €. Da er selbst keine Verkaufsflächen in Brandenburg hat, übergibt Ian seine fertigen Instrumente an Fachgeschäfte weltweit zum Verkauf. So werden seine Geigen und Celli beispielsweise in Berlin, London und New York angeboten.
Ians Instrumente klingen insgesamt eher modern. Das heißt, sie haben einen lauten, vollen Klang und eignen sich sehr gut als Solisteninstrumente, die die anderen Instrumente eines Orchesters übertönen müssen. Gebaut werden die Instrumente aus Ahorn- und Fichtenholz. Dabei ist die Qualität des Holzes besonders wichtig für den Klang. Es muss sehr langsam und gleichmäßig gewachsen sein. Außerdem muss es aus den Bergen kommen, weil dort der Wechsel der Jahreszeiten sehr regelmäßig ist, die Bäume dank des Klimas sehr langsam wachsen und das Holz deswegen besonders alt ist. Unter diesen Voraussetzungen ist das Holz besonders dicht. Das erkennt man an den sehr engen, feinen Jahresringen. Aus dieser – für einen Laien kaum erkennbaren – Struktur im Holz kann Ian die ganze Geschichte eines Baumes lesen. In der Regel kommt solches Holz aus Bosnien, Tschechien oder Serbien.
Früher hat Ian auch die Bögen für seine Streichinstrumente gebaut. Heute macht er das nur noch sehr selten, weil ihm die Zeit dafür fehlt. Im Übrigen ist das Bogenbauen auch ein eigenes Handwerk.
„Für einen Bogen werden übrigens Rosshaare aus der Mongolei verwendet. Allerdings nur Schweifhaare von Hengsten, weil die Stuten da ja immer rauf pinkeln“, witzelt Almuth noch.

Ians Firma findet ihr unter dem folgenen Link:
http://www.crawfordinstruments.org/

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