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Das grüne Familienleben der Wilhelms

Anne Wilhelm. 31 Jahre alt. Verheiratet. Drei Kinder, bald vier. Sie lebt mit ihrer Familie auf einem ehemaligen Vierseithof in dem Brandenburger Stadtteil Klein Kreutz. Schon seit der Blog-Gründung wollen wir euch Anne vorstellen. Wir kennen uns gut, weil unsere Kinder schon lange dieselbe Kita und nun auch dieselbe Schule besuchen. Und von Anfang an fanden wir Anne in ihrer Lebensart besonders. Ihre Art das Familienleben zu gestalten und zu organisieren hat uns fasziniert. Weil es so einzigartig ist, aber auch so logisch im Kontext unserer Zeit.

Anne und ihr Mann Martin sind vor sechs Jahren nach Brandenburg gezogen. Vorher haben sie gemeinsam in Potsdam studiert und in Berlin im Sprengel-Kiez gelebt. Dort ist auch ihre große Tochter Alma geboren. Mit der kleinen Freda im Bauch wollten sie dann aber unbedingt aus der Großstadt raus ins Grüne.

Dass es dann Brandenburg geworden ist,
hat sich eher zufällig ergeben.

Hier haben sie jeder einen Referendariatsplatz an Gymnasien bekommen, sie konnten ganz kurzfristig eine schöne Altbauwohnung mit Garten mieten und haben über die Empfehlung einer lieben Bekannten auch gleich einen Kita-Platz gefunden. „Dadurch haben wir uns von Anfang an sehr wohlgefühlt!

Und vor allem fand ich es toll, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben kurze Wege hatte. Ich kannte vorher nur lange Wege, zum Beispiel von Dallgow-Döberitz zur Schule nach Potsdam oder von Berlin zur Uni nach Potsdam.

Und jetzt war alles innerhalb von fünf Minuten
mit dem Fahrrad zu erreichen.
Das ist im Alltag wirklich super!“, findet Anne.

Und sie haben auch sehr schnell viele nette Leute kennengelernt.
„Zum Beispiel habe ich über den Chor ganz schnell Anschluss gefunden“,
sagt Anne, die auch Musiklehrerin ist.

Anne und Martin haben kein Auto. Erst seit ihrem Umzug nach Klein Kreutz, das fünf Kilometer von Brandenburg entfernt liegt, teilen sie sich mit einer Bekannten deren Auto. Mit diesem Car Sharing können sie das Auto immer am Wochenende nutzen. Sie brauchen es vor allem für Transporte von Baumaterial. Schließlich gibt es auf Ihrem Hof noch die ein oder andere Baustelle…

Ihre täglichen Wege legen sie aber immer mit dem Fahrrad zurück. Sie haben ein Lastenrad mit E-Antrieb und einen Fahrradanhänger. Alma, ihre große Tochter, fährt oft auch schon selbst. Und so trifft man sie immer sportlich unterwegs auf dem Fahrradweg.

Bei Wind und Wetter, die Kinder kuschelig eingemummelt
und alle abgehärtet gegen Erkältungen.

„Nur wenn das Baby kommt, dann passen wir nicht mehr alle in unser Lastenrad und zu sechst auch nicht in unser Sharing-Auto. Deswegen haben wir uns tatsächlich überlegt ein Auto zu kaufen. Aber dann haben wir uns intensiv mit dem Thema beschäftigt und dabei festgestellt, dass wir das einfach nicht mögen.“

„Jetzt kaufen wir uns ein noch größeres Lastenrad.“

Den Hof in Klein Kreutz haben die Wilhelms auch bei einer Fahrradtour entdeckt, zufällig, vor zwei Jahren. Anne hat sich mit der Hausbesitzerin so gut verstanden, dass sie zwei Wochen später beim Notar saßen, obwohl die Eigentümerin ihr Haus eigentlich noch gar nicht verkaufen wollte. Sie hatte zwar schon darüber nachgedacht, aber es noch nicht inseriert. Da kam die sympathische junge Familie genau richtig. Nur wenige Wochen danach sind sie vom Walter-Rathenau-Platz nach Klein Kreutz umgezogen.

Dort leben sie im Moment noch im Erdgeschoss des Wohnhauses, dessen Dach und Obergeschoss im kommenden Jahr saniert werden sollen. Dabei machen sie viel selbst und legen großen Wert auf natürliche Materialien. „Wir verwenden also vorrangig Holz und Lehm. Das ist in ein paar hundert Jahren auch wieder kompostierbar“, erzählt Anne. Glücklicherweise war den Vorbesitzerinnen auch die Nachhaltigkeit der Sanierung sehr wichtig, sodass die Wilhelms die Anfangsarbeiten gut fortführen können. „Das war auch ein Grund, warum wir uns so gut mit den Eigentümerinnen verstanden haben. Wir waren einfach gleich auf einer Wellenlänge.“, berichtet Anne von dem Kennenlernen.

Und so sitzen wir gemütlich in Annes Küche, mit Tee neben dem warmen Ofen, und schauen in den Hof, wo unsere Kinder gemeinsam spielen. Das Trampolin auf der Wiese und die Scheune mit all ihren Winkeln, Balken und Spielsachen sind ein wahres Paradies für sie. Ein bisschen wie in Bullerbü…!

Während ihre Mädchen im Garten spielen können, kümmert sich Anne dann zum Beispiel um ihren Nutzgarten. Im letzten Sommer hatte sie besonders viele Tomaten, Zucchini und zuletzt Kürbisse. Um die Früchte haltbar zu machen, kocht sie viel ein. Wir waren wirklich ganz fasziniert von Annes Vorratskammer.

Von Tomaten über Marmeladen bis zu Apfelmus und Kompott
– viele viele Gläser für die kalte Jahreszeit.

Außerdem lassen sie aus ihrem Obst Saft in Ketzür mosten. Anne backt ihr Brot selbst. „Brotbacken ist wirklich super einfach. Ich mag sowieso nur unkomplizierte Rezepte. Meistens koche und backe ich auch ganz ohne Anleitung.“

„Zum Beispiel habe ich ein traditionelles Rezept für Christstollen aus einem lustigen alten DDR-Kochbuch.
Den gibt es bei uns jedes Jahr im Advent.“

Stollen
2,5 kg Mehl + 300 g Hefe
etwa 1,4 l Milch
500 g Zucker + 4 Päck. Vanillinzucker
abgeriebene Schale von 1-2 Zitronen
35 g Salz
1 kg Butter
150 g Zitronat
80g bittere Mandeln + 200g süße Mandeln
1,5 kg Sultanien + 250 g Korinthen
Rum, Butter, Zucker, Puderzucker

 

 

Alles was die Wihelms sonst an frischen Lebensmitteln noch brauchen, kaufen sie im Bio-Laden am Neustadt Markt oder auf dem Brandenburger Wochenmarkt. Annes Lieblingsmarkttag ist der Freitag. Dann besucht sie übrigens die gleichen Stände, die wir auch am liebsten mögen und euch hier schon mal vorgestellt haben: Bei Familie Huth aus Weseram kauft sie ungespritztes Gemüse aus der Region und beim Wagen aus Garlitz gibt es Milch, Käse und Joghurt in Bio-Qualität aus dem Nachbardorf. Und so klappert Anne immer freitags mit den Milchflaschen über die Nähtewindebrücke und geht einkaufen. Außerdem beteiligt Anne sich an einer Food-Kooperation. Mit dieser Einkaufsgemeinschaft kann sie regelmäßig bei dem Bio-Großlieferanten Terra bestellen. Darüber bezieht sie die trockenen, haltbaren Lebensmittel.

Genauso beeindruckt waren wir von Annes Kleiderkammer. Darin sammelt sie Kindersachen von mehreren Verwandten und Freunden. Praktischerweise kommt Anne nämlich aus einer großen Familie, sie hat fünf Geschwister und ihr kleinster Bruder ist nur wenige Jahre älter als Alma. So konnte sie die Sachen von ihrer eigenen Mama gleich übernehmen. „Ich war noch nie in einem Geschäft um neue Kinderkleidung zu kaufen. Wenn wir etwas brauchen, gehen wir zu unserem riesigen Schrank in den Keller und dann können sich alle was aussuchen.“

Anne hat das Thema Ökologie jetzt auch für ihren Unterricht aufgegriffen: Sie bietet ihren Schülern der achten Klasse eine Stunde Umweltunterricht pro Woche an. Darin behandeln sie ganz unterschiedliche Aspekte, wie zum Beispiel die Herstellung von Kleidung, Energieverbrauch oder Lebensmittelherstellung. Durch die Vorbereitung lerne sie selbst auch noch viele Fakten, sagt Anne, was sie wiederum im täglichen Leben beeinflusst. So haben sie sich zuletzt auch mit dem Thema Mikroplastik in der Kosmetik beschäftigt. Anne fertigt ihre Kosmetik nicht selbst an, aber sie benutzt insgesamt einfach sehr wenig. Oft sei das ja auch schon ein guter Weg, meint Anne.

„Ich habe meinen Konsum insgesamt sehr deutlich eingeschränkt.
Ich verzichte in vielen Bereichen. Aber dieser Verzicht ist nichts Negatives für mich,
ich bin nicht traurig darüber. Im Gegenteil, es macht mich zufrieden.“

Der kleine Einblick, den die Wilhelms uns in ihren Alltag gewährt haben, war für uns sehr spannend. Denn insgesamt fühlt sich bei ihnen das Thema Nachhaltigkeit alles so rund an. Alles passt zusammen und das eine führt ganz logisch zum nächsten. Da ist nichts erzwungen oder auf ein grünes Leben umgestellt. Kein erhobener Zeigefinger und kein Missionieren. Im Gegenteil, Anne ist kein Freund von starren Regeln und geht die Dinge lieber entspannt an.

So is(s)t und so lebt sie schon immer, so haben es ihre Eltern ihr vorgelebt – schon lange bevor es cool war, sich vegan zu ernähren und auf seinen ökologischen Fußabdruck zu achten. Und diese Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit hat auch uns für (noch) mehr Achtsamkeit im Alltag inspiriert. In diesem Sinne, viele Grüße an Greta und einen besinnlichen 3. Advent – vielleicht mit Christstollen à la Anne Wilhelm.

Text: Luise Krekeler
Fotos: Sabrina Jung

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