Breaker

Nächster Halt: Brandenburg Hbf

Vor Kurzem habe ich in der Zeitung die Schlagzeile gelesen „Pendlerzahlen erreichen Rekord-Hoch“. Die Zahlen fand ich beeindruckend: Denn täglich verlassen fast 10 000 Menschen die Stadt Brandenburg um zur Arbeit in die umliegenden Kreise und Städte, vor allem aber nach Potsdam und Berlin, zu fahren (übrigens pendeln noch mehr in die Stadt hinein, das sind über 12 000 Menschen). Ich selbst gehöre auch dazu. Und wie die Meisten nutze ich dafür den RE1. Heute möchten wir euch noch zwei andere Pendlerinnen vorstellen. Ich treffe sie ab und zu im Zug und bin beeindruckt von der Power dieser beiden Frauen, die neben ihren Jobs in Potsdam und Berlin ihren Familienalltag managen.


Zweiundzwanzig Minuten fahre ich mit der schnellen Verbindung vom Brandenburger zum Potsdamer Hauptbahnhof. In Berlin habe ich früher für eine S-Bahn-Fahrt in einen anderen Bezirk auch immer eine halbe Stunde eingeplant, von Friedrichshain nach Charlottenburg ist man jedenfalls nicht schneller. In meinen Augen ist der RE1, der Regio, quasi die Lebensader der Region. Von Magdeburg bis Frankfurt/Oder verbindet er die umliegenden Städte mit Berlin. Für Viele ist diese Anbindung die Grundvoraussetzung für ein Leben außerhalb der Metropole, denn nur so kann man im Grünen leben und weiterhin seinen Arbeitsplatz durch eine zeitsparende und ökologisch gut vertretbare Verbindung erreichen.

Das ist Heide. Sie lebt seit fünfzehn Jahren mit ihrer Familie in Brandenburg und arbeitet seit zwei Jahren in Berlin. Mehrere Jahre hatte sie ihren Job direkt vor der Haustür. Aber dann wechselte sie in eine spannende neue Position und seitdem pendelt sie mit dem Regio. Sie empfindet die Zeit im Zug als wunderbare Auszeit zwischen Job und Familie. In den 40 Minuten, die sie von Brandenburg zum Bahnhof Charlottenburg fährt, kann sie abschalten und Abstand gewinnen. Manchmal, sagt sie, arbeite sie, aber meistens nutze sie die Zeit um in Ruhe zu lesen oder Social Media zu nutzen. Ärgerlich sei dabei nur die schlechte Netz-Abdeckung. Im Grunewald zum Beispiel könne man die Internetnutzung vergessen. Aber sie berichtet auch, dass man über die Zeit oft dieselben Gesichter im Zug treffe und dass man so ins Gespräch komme. In Berlin dann angekommen hat sie nur noch einen fünfzehnminütigen Weg bis zum Büro. Meistens läuft sie das Stück, manchmal nimmt sie sich auch ein Leihfahrrad. Insgesamt braucht sie von ihrer Haustür bis zu ihrem Schreibtisch genau eine Stunde.

Heide, die schon in München, Köln und Berlin wohnte, lebt sehr gern in Brandenburg, sie liebt die Landschaft, das Wasser und die Menschen hier. „Und dass die Leute manchmal etwas komisch sind, ist gar nicht schlimm, denn die Menschen im mittigen Niedersachsen, wo ich gebürtig herkomme, sind auch etwas komisch“, sagt sie und lacht herzlich dabei. Weil sie sich so wohlfühlt, will sie hier auch nie mehr weg. Sie hat mit ihrer Familie mit dem Neubau eines modernen Hauses in der Neustadt ein wunderschönes Zuhause gefunden. Und vor allem kann ihre Tochter Ana Lena hier eine nette Schule besuchen. Ana ist ein ganz besonderes Mädchen, weil sie durch eine autistische Erkrankung entwicklungsverzögert ist und eine besondere Betreuung benötigt.

Und so genießt Heide die Familienzeit in Brandenburg, den Job in Berlin und eben auch die Mittagspausen, in denen man schnell mal zum Markt auf dem Charlottenburger Augustaplatz gehen kann, um kleine Köstlichkeiten für Zuhause zu kaufen. Wenn sie also nicht gerade bei Schnee und Regen auf dem Bahnsteig steht, ist alles in bester Ordnung.

Und das ist Stefanie. Sie kommt ursprünglich aus Potsdam, lebte später in Hamburg und ist Anfang 2010 der Liebe wegen nach Brandenburg gezogen. Sie wohnt jetzt mit ihrer Familie auf der „Eigenen Scholle“. Stefanie und ihr Mann pendeln beide täglich nach Potsdam und Berlin zur Arbeit. Und der stressigste Teil daran sei tatsächlich das erste Stück des Weges mit dem Auto zum Bahnhof. Denn die Schranke in der Wilhelmsdorfer Straße sei einfach unberechenbar, man wisse nie, ob ein Güterzug den ganzen Zeitplan durcheinander würfelt. Und die Parkplatzsuche auf den völlig überfüllten Wiesen am Brandenburger Hauptbahnhof sei auch jeden Morgen aufs Neue eine Herausforderung. „Ich kann mittlerweile sehr kreativ einparken“, erzählt Stefanie. Und dann, nach bestenfalls zwanzig Minuten Autofahrt, sei der anstrengende Teil der Fahrt geschafft. Dann setzt sie sich ganz entspannt in den Zug. In Summe braucht sie 50 min bis sie an ihrem Arbeitsplatz ankommt.

Die Zeit in Potsdam genießt sie dann auch. Manchmal, erzählt Stefanie, nehme sie sich einfach ein Leihrad und fahre in der Mittagspause zu den Ecken ihrer Kindheit. „Es ist einfach schön an Orte zurückzukommen, an die ich mich von früher erinnern kann.“ sagt sie.

Nach der Arbeit sind die meisten Nachmittage dann eng durchgetaktet: „Mit den Abfahrtszeiten des Zuges habe ich natürlich sehr starre Zeitpunkte. Zum Glück lässt sich das mit meinem Job gut vereinbaren, sodass ich meine Arbeitszeiten danach richten kann.“ Und dann treffen wir uns manchmal sogar am Potsdamer Hauptbahnhof und quatschten im Zug über die neuesten Kinderkrankheiten, Einschulungen und sonstige Mama-News. Stefanie düst dann zum Krugpark und sammelt ihre drei Kinder ein, die Zwillinge Lotte und Merle und den kleinen Henrik.

„Insgesamt ist das Pendeln für mich total ok“, sagt sie, „wenn man morgens den einen, besonders freundlichen Zugbegleiter trifft, muss man bei der ersten Ansage schon schmunzeln. Und die Verbindungen sind auch deutlich zuverlässiger geworden, es gibt kaum noch Verspätungen. Und wenn wirklich mal ein Zug ausfällt, dann können zum Glück die Großeltern einspringen und die Kinder abholen.“

So sieht der Alltag also bei uns aus, immer zwischen netten Zugbegleitern, drängelnden Mitfahrern, Erkältungsviren und lustigen Freundinnen. Aber ja, wir freuen uns alle auf den Sommer, weil es dann einfach angenehmer ist am Bahnsteig auf den Zug zu warten… Und wie ist das bei euch? Pendelt ihr auch oder könnt ihr zu Fuß zur Arbeit gehen?

Text: Luise Krekeler
Foto Heide: Luise Krekeler
Foto Steffi: Sabrina Jung

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