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Zuhause bei – dem Domkantor Marcell Fladerer-Armbrecht

Marcell Fladerer-Armbrecht ist seit sechs Jahren der Kantor des Brandenburger Doms. Ihr kennt ihn schon aus einem unserer ersten Kurzinterviews. Damals fand ich seinen Geheimtipp toll, dass man sich während einer Chorprobe in den Friedgarten des Doms setzen und der Musik lauschen solle. Ich habe es tatsächlich mit schlafendem Baby im Kinderwagen einmal geschafft, und es ist wirklich ein sehr besonderer, friedlicher Ort. Heute zeigt Marcell uns dankenswerterweise noch einen besonderen Ort: sein Zuhause. 

Die Kantorenstelle führte Marcell zusammen mit seinem Mann Nils nach Brandenburg an der Havel. Zunächst haben sie gemeinsam in einer Wohnung am Burghof gewohnt, bis sie die alte Villa an der Grünen Aue entdeckten. Sie haben das historische Gebäude liebevoll saniert und leben nun seit zwei Jahren mit ihren beiden Kindern dort.

Die Villa wurde im zweiten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts von Alfred Panknin erbaut. Dieser Name sowie der von ihm gegründete Betrieb „APA“ waren einst deutschlandweit bekannt und haben ein Stück Lebensmittelgeschichte geschrieben. Das Ensemble an der Grünen Aue umfasste neben der Villa Produktionshallen und Bürogebäude. Hier wurden Puddingpulver, diverse Soßen- und Backpulver hergestellt. Vor allem der APA-Pudding war sehr beliebt und im ganzen Land begehrt. Kein Wunder, bei dieser Werbung: „Das Kind gedeiht, die Mutter lacht, APA-Pudding hat’s gemacht!“ Dazu ein rotes Herz mit drei goldenen Lettern in der Mitte. In der DDR wurde Alfred Panknin jedoch nach politischen Schikanen schließlich enteignet und musste 1955 sogar sein Wohnhaus verlassen

Nun ist mit Familie Fladerer wieder viel buntes Leben in das Haus eingezogen. Die Kinder lieben den Garten und nutzen ihre Zimmer begeistert zum Toben. Marcell ist glücklich darüber, dass er ein eigenes Klavierzimmer hat und hier ungestört – jedenfalls soweit seine Jungs das zulassen – zuhause spielen kann. Außerdem findet man in dem Haus viele wunderschöne bauzeitliche Details, die erhalten wurden: so zum Beispiel die bunten Glasfenster mit den Tiermotiven im Treppenhaus, die Kassettendecken in den Wohnräumen oder das einladende Treppenhaus in der Mitte des Hauses. 


Neben den vielen Antiquitäten, die Marcell und Nils über die Jahre gesammelt haben, ist die Einrichtung im Haus von vielen Mitbringseln von den gemeinsamen Reisen geprägt. So erinnert das Tuch auf dem Esstisch zum Beispiel an die große Reise im letzten Sommer, als sie fünf Wochen zu viert in Thailand unterwegs waren, in Bangkok, Chiang Mai und von Insel zu Insel. Auch früher haben sie schon gern weite Reisen unternommen beispielsweise nach Indien, Indonesien, Kambodscha und Vietnam. Meistens haben sie gleich einen Monat in der Ferne verbracht, sie haben beeindruckende Unterwasserwelten entdeckt, indigene Völker besucht und exotische Tiere gesehen. „Mit der Reiselust hat Nils mich angesteckt“, erzählt Marcell. „Aber mit den Kindern träumen wir jetzt eher vom Wohnmobil-Urlaub in Kanada“, fügt er schmunzelnd hinzu. Dafür üben sie nächstes Jahr schon mal – mit dem Wohnmobil in Südfrankreich.

Marcell hat in Detmold und Berlin Kirchenmusik und Orgel studiert. Zunächst lebte er auch viele Jahre in Berlin, war dort erst Kantor in Tegel und dann in Schöneberg. In Brandenburg spielt er nun seit 2012 die wunderschöne Wagner-Orgel im Dom, leitet die Chöre und ist für das gesamte musikalische Programm am Dom verantwortlich. Vor allem die barocke Orgel, sagt Marcell, habe ihn von Anfang an fasziniert, denn im Rahmen seines Konzertexamens spezialisierte er sich auf die Alte Musik der Zeitalter Renaissance und Barock. Das Instrument wurde Anfang des 18. Jahrhunderts von Joachim Wagner, dem bedeutendsten märkischen Orgelbauer, erschaffen und ist fast vollständig im Original erhalten. Denn glücklicherweise (so kann man es auf der Website des Brandenburger Domstifts nachlesen) wurde das Einschmelzen der Orgelpfeifen zur Herstellung von Waffen im Zweiten Weltkrieg verhindert und das gesamte Instrument 1944 in der Krypta eingelagert. Zwei Jahre nach Kriegsende wurde die Orgel wieder aufgebaut. Damit ist es eines der letzten Instrumente, an dem die Werke von Bach wohl so klingen, wie der Komponist sie selbst „vor Ohren“ hatte. An diesem besonderen Ort verbringt Marcell den schönsten Teil seiner Arbeitszeit. 

Ihr könnt Marcell in verschiedenen Konzerten im Dom und in den Gottesdiensten spielen hören.

Hier ist das musikalische Programm am Dom zu finden.


Text: Luise Krekeler
Fotos: Sabrina Jung

Unbeauftragt und unbezahlt.

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